Letzte Aktualisierung: 24.11.2022

Probiotika

mit Präzision oder nach dem Gießkannenprinzip?
Haben Sie Probleme mit der Verdauung und einen »gereizten Darm«? In solchen Fällen kommen in der Regel sehr rasch Probiotika ins Spiel. Vor allem die allabendliche Fernsehwerbung meint, uns hier rasch weiterhelfen zu können: »Bauchschmerzen, Durchfall und immer wieder diese Blähungen? Was ich da empfehle ...« Mehrere Weißkittel, die sich – ohne es explizit erwähnen zu müssen – ganz bewusst den Anstrich eines Arztes oder einer Apothekerin oder zumindest einer wissenschaftlichen Person geben, empfehlen dann ein Probiotikum, das den Begriff »Reizdarm« schlauerweise schon im Namen trägt. In vorherigen Versionen dieser Werbung haben uns vermeintliche, selbstverständlich hochzufriedene Verwender dieses gleichen Präparats auch schon weismachen wollen, dass die »Beschwerden wie weg« seien.

In einer anderen – nicht minder hartnäckig präsentierten – Werbung erzählt uns eine magenta-gewandete Dame, »ihr Leben den Bakterien in unserem Körper gewidmet und mit führenden Wissenschaftlern das Geheimnis dieser Bakterien entschlüsselt zu haben«. So sei das von ihr beworbene Präparat entstanden und »heute die Nummer 1 in Deutschlands Apotheken«.

Diese beiden Beispiele habe ich aus zahlreichen weiteren Beispielen bewusst gewählt, weil sie auch noch einen unterschiedlichen Ansatz haben: das eine Produkt enthält nur einen einzigen probiotischen Bakterienstamm, die andere Produktgruppe enthält immer eine ganze Palette von Bakterienarten. Aber egal, wie viele Stämme enthalten sind – die Mittel sollen selbstverständlich immer, bei jedem Patienten und bei jedem Verdauungsproblem wirken.

Es sei einmal dahingestellt, was ich von diesen ganz speziellen Präparaten (und der zugehörigen, penetranten Werbung) halte, aber es wird dem Zuschauer auf jeden Fall suggeriert, dass allein die Einnahme eines probiotischen Präparates helfen könne, Verdauungsbeschwerden gleich welcher Art den Garaus zu machen.

Genauso wenig, wie man glauben kann, dass ein und dieselbe Erkrankung bei allen Menschen mit immer dem gleichen Medikament geheilt werden kann, sollte es einleuchten, dass gerade Verdauungsbeschwerden, die ja die verschiedensten Ursachen haben können und zahlreiche unterschiedliche Symptome mit sich bringen wie Bauchschmerzen, Krämpfe, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung und vieles mehr, nach dem Gießkannenprinzip allesamt und eben bei allen Betroffenen mit ein und demselben Probiotikum geheilt werden könne – sei es das »Reizdarm-Präparat«, die »Nummer 1 in Deutschlands Apotheken« oder auch irgendein anderes Probiotikum.

Wäre es nicht eher naheliegend zunächst zu schauen, welches Problem vorliegt und welche Voraussetzungen der Mensch mitbringt, bevor man dann ein Probiotikum ganz individuell auswählt? Das sehr viel intelligentere und vor allem erfolgversprechendere Prinzip heißt »Präzisionsprobiotika«.


Was ist ein Probiotikum?

Ein Probiotikum ist ein Präparat, das lebende Keime enthält. Die Bezeichnung setzt sich aus den Wortteilen »pro« (für, lat.) und »bios« (Leben, gr.) zusammen. Je mehr die Wissenschaftler darüber erforschen, wo überall auf unserem Körper Bakterien leben, desto interessanter wird auch der Eingriff in dieses Ökosystem mit lebenden Mikroorganismen, um positive, ggf. heilende Effekte zu erzielen. In diesem Beitrag gehe ich nur auf die Probiotika ein, die für die intestinale Mikrobiota (früher als Darmflora bezeichnet) eingesetzt werden.

Die probiotischen Bakterien, die in einem Präparat enthalten sind, müssen so aufbereitet sein, dass sie sich einerseits in der Kapsel, dem Beutel oder den Tropfen nicht verändern, aber, wenn sie eingenommen werden, an genau der richtigen Stelle im Verdauungssystem »zum Leben erwachen«. Sie müssen z.B. geschützt sein, um die Barriere der scharfen Magensäure weitestgehend unbeschadet zu überstehen, um noch in ausreichend großer Anzahl im Darm anzukommen.

Weiterhin brauchen die Bakterien ein wenig Futter, »ein Proviantpäckchen«, um auf ihrem Weg vom Mund in den Darm nicht zu verhungern. Deshalb sind den Probiotika jeweils kleine präbiotische Portionen beigegeben.

Jeder Bakterienstamm hat ganz spezielle Eigenschaften und kann eine oder mehrere Aufgaben für uns (oder auch zu unserem Nachteil) erledigen. Die Forschungen dazu gehen in rasanten Schritten vorwärts, und fast täglich werden neue Erkenntnisse gewonnen.

Darüber, ob es sinnvoll ist, mehrere Bakterienarten in einem Präparat zu kombinieren oder ob es eher günstig ist, nur jeweils einen Stamm mit ganz bestimmten Eigenschaften in ein Präparat zu packen, spreche ich im Abschnitt »Wenige oder viele Stämme – was ist sinnvoller?«


Die Mikrobiota – was ist das?

Jeder Mensch hat eine ganz individuelle Mikrobiota, die aus den verschiedensten Bakterienarten und Mikroorganismen zusammengesetzt ist. Sie ist so individuell wie ein Fingerabdruck (lesen Sie hierzu bitte auch den Beitrag »Grundsätzliches über die Mikrobiota«). Wie kann man da annehmen, dass der Eingriff in ein solch einmaliges System mit immer dem gleichen Mittel auch immer den gleichen, positiven Effekt erzielen könne (wobei alleine ja schon die beiden oben angeführten Präparate diesen Anspruch jeweils für sich reklamieren)? Das hieße ja, wenn man »mit der Gießkanne« über jedes Verdauungsproblem eines von diesen beiden Präparaten verteilen würde, würde es immer gleich wirken – und selbstverständlich immer erfolgreich.

Unsere Darmflora besteht – genauso wie die Bakterienbesiedelungen der anderen Körperoberflächen – aus genau auf diesen Lebensraum spezialisierten Arten, und es herrscht immer eine Balance zwischen den freundlichen und feindlichen Arten. Jede Art versucht naturgemäß, so viel Platz für sich zu beanspruchen wie möglich. Da der Platz auf der Darmschleimhaut insgesamt begrenzt ist, wird eine Art zurückgedrängt, wenn eine andere sich schneller vermehrt. Idealerweise sollte es so sein und ist auch in fast allen Fällen so, dass die für uns vorteilhaften Arten sehr viel reichlicher vertreten sind, als die schädlichen, aber auch diese letztgenannten haben durchaus Funktionen für uns, die nicht unwichtig sind. So trainieren einige der eigentlichen Schädlinge, solange sie nur in kleineren Anzahlen in unserer Darmflora enthalten sind, unser Immunsystem, das sich zu einem großen Teil in unserem Darm befindet.

Immer aber ist die Balance eine ganz individuelle, und man kann die Zusammensetzung zumindest in groben Zügen mit einem Stuhltest ermitteln. Allerdings reicht ein solcher »Mikrobiomtest« alleine nicht aus, um eine Aussagekraft zu erhalten, es gehören immer noch viele andere Faktoren wie u.a. Entzündungsmarker oder Parameter über die Verdauungsleistung dazu.

Insgesamt ist das »Ökosystem Darm« also wesentlich mehr als nur die Mikrobiota und – wie gesagt – mit Sicherheit noch Objekt der Forschungen für die nächsten Jahrzehnte. Derzeit wissen wir nur über einige wenige Bakterien, was sie »können«, und dies nur aus Tiermodellen und einigen wenigen Erfahrungswerten. Wie sich die einzelnen Stämme aber in Interaktion mit anderen verhalten – es gibt immerhin (derzeit entdeckte) etwa 500 – 800 verschiedene Spezies, das wissen wir eigentlich noch überhaupt nicht. Hier anzunehmen, dass ein und dasselbe probiotische Präparat bei allen Menschen mit ihren individuellen Voraussetzungen immer gleich wirkt, ist doch eine sehr ambitionierte These.


Probiotika als »Heilmittel« bei Verdauungsproblemen?

Grundsätzlich ist es ein guter und kluger Ansatz, Verdauungsprobleme, die auf einer Dysbalance der Mikrobiota basieren, mit »guten Bakterien« beheben zu wollen. Auf jeden Fall ist es klüger, als Entgleisungen, bei denen die schädlichen Bakterien überhandgenommen haben, mit Antibiotika zu behandeln, sofern nicht wirklich schwerwiegende oder sogar lebensbedrohliche Erkrankungen durch die bakteriellen Infektionen verursacht werden (beispielsweise bei einem heftigen Reisedurchfall, der immer eine ärztliche Konsultation erfordert).

Setzt man Antibiotika ein (anti bedeutet »gegen« und bios bedeutet »Leben«, also gegen das Leben) ein, so werden bei moderneren Präparaten die Krankheitserreger zwar relativ gezielt abgetötet, als »Kollateralschaden« jedoch immer auch die übrige Mikrobiota mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen. Nach einer Antibiose ist die Qualität der Mikrobiota noch über Monate verändert – und zwar immer zum Nachteil, denn die Diversität ist eingeschränkter als vor der Behandlung. Folgt schon in kürzerer Zeit eine weitere Antibiose (was nicht selten der Fall ist, weil die Abwehrkräfte beeinträchtigt sind und die Erkrankung erneut wieder aufflammt), sinkt das Niveau der Zusammensetzung immer weiter ab – ein Teufelskreis! (Bitte lesen Sie hierzu auch den Beitrag »Antibiotika und Darmgesundheit«.)

Versucht man jedoch, die schädlichen Bakterien mit nützlichen zu verdrängen, vermeidet man, dass die Qualität der Mikrobiota längerfristig geschädigt wird. Da – wie oben ausgeführt – der Platz auf der Schleimhaut begrenzt ist, können die zugeführten, guten Bakterien die unerwünschten zurückdrängen, und dies, ohne die vorhandenen, guten, zu schädigen. Aber noch einmal: die Verdrängung von Schadkeimen mit Hilfe von probiotischen Keimen ist nicht geeignet bei schwerwiegenden, akuten Erkrankungen.


Mund-zu-Mund-Propaganda bei Probiotika

»Welches Probiotikum hat euch geholfen?« oder »Wer kann mir ein gutes Probiotikum empfehlen?« Die einschlägigen Internet-Foren in den sozialen Netzwerken sind voll mit solchen und ähnlichen Anfragen (bitte lesen Sie hierzu auch den Beitrag »Was kann das Internet für Ihre Gesundheit leisten und was nicht?«). Und auch die am Anfang dieses Beitrags aufgeführten »Empfehlungen« aus der Fernsehwerbung sind Beispiele für den Glauben, irgendein Probiotikum könne DAS Allheilmittel bei bestimmten Verdauungsproblemen sein. Selbst wenn sich eine noch so penetrante Werbung über Jahre im Fernsehen hält oder einem allabendlich eingetrichtert wird, dass ein Produkt »die Nummer 1 in Deutschlands Apotheken« sei, heißt dies ja noch lange nicht, dass diese Präparate auch allen wirklich helfen. Oder warum gibt es so viele potenzielle Kunden, dass es sich für die Hersteller lohnt, für die Werbung über Jahre so viel Geld auszugeben? Wenn diese Mittel doch ach so sicher wirksam wären, hätte sich das doch schon längst herumgesprochen und keiner hätte mehr Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfälle – zumindest nicht lange, denn die Super-Präparate würden diese Beschwerden doch in kürzester Zeit zuverlässig beseitigen.

Leider gibt es dieses Allheilmittel eben nicht – und dies einzig aus dem Grunde, weil jeder Mensch seine ganz individuellen Voraussetzungen mitbringt. Es ist schon richtig, dass ein und derselbe probiotische Bakterienstamm immer dieselben Eigenschaften hat. Nur können diese Eigenschaften eben in so heterogenen Umgebungen, wie es die individuellen menschlichen Därme sind, eben auch nur jeweils sehr unterschiedlich zum Tragen kommen. Was dem einen gut geholfen hat, muss beim anderen nicht zwangsläufig auch Vorteile bringen.

Eine Beratung durch einen Spezialisten steigert die Chancen, dass ein empfohlenes Probiotikum genau die gewünschte Wirkung erzielt. Allerdings kann auch der erfahrenste Berater oder Therapeut nicht garantieren, dass die Wirkung optimal sein wird, denn auch er kennt nicht jede Mikrobe in Ihrem Darm. Aber die Erfolgsaussicht wird auf jeden Fall um ein Vielfaches höher sein als eine (gewinnorientierte) Reklame im Fernsehen oder eine Empfehlung von Mitbetroffenen, auch wenn diese noch so wohlmeinend sind.

Mal so eben ein Probiotikum einzunehmen, das ja eventuell einem anderen Betroffenen geholfen haben mag, ist nicht zielführend. Zahlreiche meiner Klientinnen und Klienten haben schon viel Geld für Probiotika ausgegeben, die sie sich aufgrund solcher Ratschläge in der Apotheke oder im Internet besorgt haben, ohne eine Verbesserung ihrer Beschwerden erzielt zu haben. Oftmals berichten sie sogar von Verschlimmerungen.


Wenige oder viele Stämme – was ist sinnvoller?

Probiotische Präparate können ganz unterschiedlich zusammengesetzt sein – wie die beiden oben angeführten Werbebeispiele belegen. Es gibt Probiotika, die nur einen oder sehr wenige verschiedene Stämme enthalten oder aber solche, in denen ganz viele Stämme verarbeitet wurden. Leider sind letztere in der großen Überzahl. »Viel hilft viel« ist das Prinzip dieser Präparate und dies sicherlich nicht, weil die Hersteller gerne viele verschiedene Inhaltsstoffe verwenden wollen, sondern weil »der Verbraucher« es so erwartet. Leider aber ist dies ein absoluter Irrglauben – zumindest, wenn es sich auf die Anzahl der verschiedenen Bakterienstämme in einem Probiotikum bezieht. Dazu aber später mehr.

Stellen Sie sich vor, in einer Sandkiste sitzen viele Kinder, die friedlich miteinander spielen. Kommen noch einmal so viele dazu, gibt es ganz bestimmt Zank und Streit um die Sandförmchen. Übertragen wir diesen Vergleich auf die Mikrobiota, in der viele verschiedene Bakterienstämme enthalten sind und sich zu einem Status quo zusammengerauft haben (unabhängig davon, wie dieser Status quo aussieht). Kommen nun viele weitere Bakterienstämme hinzu, müssen sich diese in das Bestehende einfügen. Das geht nicht immer gut, und umso weniger, je mehr neue Bakterienstämme eingenommen werden. Kommt nur der eine oder andere einzelne Gast, wird dieser sehr viel besser toleriert als gleich eine ganze Horde.

Alle eingenommenen probiotischen Bakterien sind nämlich immer Gäste – sie entsprechen nie genau denjenigen, die Sie bereits in Ihrem Darm beherbergen. Diese eingenommenen Bakterien verbleiben auch nicht dauerhaft in Ihrem Darm. Sobald Sie die Einnahme beenden, werden sie schon nach wenigen Tagen bis Wochen wieder verschwinden. Dies ist auch der Denkfehler, wenn man hofft, die fehlenden Bakterien »auffüllen« zu können. Viele Patienten, die aus eigenem Antrieb einen Stuhltest beauftragen und sehen, dass es an einigen Bakterienarten mangelt, suchen sich ein probiotisches Präparat, in denen möglichst viele dieser Stämme enthalten sind, um diesen Mangel zu beheben. Das ist aber nicht möglich, denn – siehe oben – die zugeführten Stämme siedeln sich ja eben leider nicht im Darm an. Sie vermehren sich zwar eine Zeit lang, aber sie bleiben doch Gäste, deren Zeit für Kost und Logie irgendwann abläuft.

Da Probiotika in der Regel von Menschen eingenommen werden, die bereits Probleme mit der Verdauung oder auch andere gesundheitliche Schwierigkeiten haben, ist es umso wichtiger, sich keinen zusätzlichen Ärger einzuhandeln. Je mehr verschiedene Keimarten ein Präparat enthält, desto risikobehafteter ist die Einnahme. Und im Umkehrschluss: Je weniger unterschiedliche Keimarten enthalten sind, desto weniger Probleme sind zu erwarten – vor allem, wenn man die Fähigkeiten eines oder weniger probiotischen Stämme genau kennt und diesen im Hinblick auf die Ursachen der Beschwerden gezielt einsetzt.

Ein vollkommen gesunder Mensch mit einer gesunden, stabilen Mikrobiota kann mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Multi-Präparat mehr oder weniger gut vertragen, denn die große Diversität seiner Mikrobiota macht diese robust gegenüber eingenommenen Mikroorganismen. Nur wird dieser gesunde Mensch im Zweifelsfalle selten auf die Idee kommen, ein Probiotikum einnehmen zu wollen – warum auch? Je instabiler aber die Gesundheit und je desolater der Status quo der Darmflora, desto empfindlicher wird der Patient auf eingenommene Bakterien reagieren. Hier ist ein Multi-Präparat mit zahlreichen verschiedenen probiotischen Stämmen nach dem Gießkannen-Prinzip genau das Falsche.

Ein weiterer Aspekt für die Qualität eines Probiotikums ist die Menge der jeweils einzelnen Keime. Diese wird angegeben in »KbE« was so viel bedeutet wie »Kolonien bildende Einheiten«. Hier ist die Zahl über der 10 wichtig: enthält ein Probiotikum 109 KbE eines Bakterienstamms, dann sind dies eine Milliarde einzelne Keime. Enthält ein Konkurrenzpräparat nur 108 KbE eines Bakterienstamms, dann sind dies lediglich 100 Millionen einzelne Keime. Auch wenn ich oben angeführt habe, dass das Prinzip »viel hilft viel« in Bezug auf die Anzahl der verschiedenen Keime absolut nicht gilt, so ist das Prinzip »viel hilft viel« aber in Bezug auf die Menge der einzelnen Keime sehr wichtig und richtig. Je größer die Menge der einzelnen Keime (natürlich in bestimmten Grenzen), desto mehr kommen davon im Darm an und können – vorausgesetzt, sie sind richtig ausgewählt – viel Gutes bewirken. Als Richtwert ist eine Menge von 108 bis 109 KbE eines Bakterienstamms eine gute Größenordnung für ein qualitativ hochwertiges Präparat.


Präzisionsprobiotika

Auch wenn ein »Auffüllen« fehlender Bakterien nicht möglich ist und die eingenommenen Mikroorganismen nicht dauerhaft im Darm verbleiben, kann die Einnahme eines passend ausgewählten Probiotikums trotzdem sehr sinnvoll sein. Die Funktion ist folgende: Die eingenommenen Mikroorganismen heben vorübergehend die Qualität der Darmflora an (nämlich genauso lange, wie sie eingenommen werden). Unter dieser verbesserten Qualität kann sich die eigene Mikrobiota wieder regenerieren und stabilisieren. Auch die Darmschleimhaut kann so wieder gesunden, denn diese ist bei einer entgleisten Mikrobiota grundsätzlich auch immer mitbetroffen. Wird nach einer nicht zu kurzen Einnahmedauer das Probiotikum dann wieder abgesetzt, sind Mikrobiota und Schleimhaut in der Lage, den verbesserten Zustand aus eigner Kraft aufrecht zu erhalten.

Die eingenommenen Stämme sind übrigens nie vollkommen identisch mit den körpereigenen, selbst wenn sie dieselben Namen tragen. Es gibt von ein und demselben Bakterium viele, viele verschiedene Untergruppen. Gute Präparate erkennt man u.a. daran, dass die Bezeichnungen der enthaltenen Bakterien nicht nur einen Vor- und Nachnamen tragen (z.B. Escherichia coli), sondern auch noch eine genaue Kennzeichnung des exakten Stammes (z.B. L1931). Diese Mikroorganismen sind in der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH (DSMZ) registriert und in den Präparaten in immer der gleichen Art und Qualität enthalten, weil sie nachweislich aus immer derselben Zelllinie gezüchtet werden. Die Multi-Präparate, die teils 10 oder sogar 20 verschiedene Bakterienstämme enthalten, sind selten so genau ausgezeichnet. Ich will nicht in Abrede stellen, dass der eine oder andere Hersteller eines solchen Multi-Präparats auch qualitativ hochwertige Inhaltsstoffe verwendet, sympathischer ist mir jedoch, wenn ich dies auch nachvollziehen kann.

Auch die Eigenschaften und Fähigkeiten eines probiotischen Mikroorganismus können ganz verschieden sein und sind immer nur auf eine einzige Linie anwendbar. Und auf diese Eigenschaften und Fähigkeiten kommt es an: Was kann exakt dieses Bakterium für die Mikrobiota und ggf. auch für die Darmschleimhaut tun? Und zwar genau dieses Bakterium! Nur wenn der Therapeut oder Berater genau diese Eigenschaften kennt, kann er ein Präparat auch ganz gezielt für eine Indikation einsetzen – eben mit Präzision. Am besten suchen Sie sich einen Berater, der über die Zertifizierung als »Spezialist oder Experte für Mikrobiologische Therapie« verfügt, denn hier werden diese Kenntnisse vermittelt.

Es genügt in der Regel, ein Präparat mit einem oder zwei verschiedenen Stämmen zielgerichtet einzusetzen. Die Qualität der Mikrobiota wird mit genau den Hebeln angehoben, die erforderlich sind und vermeidet zudem unerwünschte Nebenwirkungen, die bei Einsatz zu vieler verschiedener Arten auftreten könnten. Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich der Zustand der Mikrobiota verbessert hat, kann u.U. der Einsatz eines Folgepräparats mit ein paar mehr enthaltenen Keimarten sinnvoll sein – ich würde jedoch kein Präparat empfehlen, das mehr als 4, ggf. maximal 6 verschiedene Stämme enthält. Die Wirkungen und Interaktionen werden dann rasch unkalkulierbar und können oft sogar kontraproduktiv sein. Vor dem Einsatz eines Probiotikums steht also immer eine genaue Anamnese und Befunderhebung und später dann die Verfolgung des Behandlungserfolgs, um dann ganz gezielt ein Präzisionsprobiotikum einzusetzen.


Begleitmaßnahmen zur Wirkungsoptimierung

Auch ein noch so präzise und passend ausgesuchtes Probiotikum kann übrigens nicht optimal wirken, wenn die Begleitumstände schlecht sind. Es reicht keineswegs aus, nur ein Probiotikum einzunehmen und dann zu glauben, dass dies allein ausreichend sei. Auch ein Präzisionsprobiotikum braucht bestimmte Voraussetzungen, um die optimale Wirkung entfalten zu können. Wie oben erwähnt, verbleiben zugeführte, probiotische Bakterienstämme lediglich so lange im Darm, bis die Einnahme beendet wird. Während dieser Zeit soll sich die eigene, bisher qualitativ beeinträchtigte Mikrobiota erholen und stabilisieren. Wird hierfür lediglich auf die Substitution des Probiotikums gesetzt und alle anderen Voraussetzungen, die ja eben zu der schlechten Qualität der Darmflora geführt haben, unverändert beibehalten, kann mit großer Sicherheit kein gutes Ergebnis erwartet werden.

Es braucht also auch optimierte Verhaltensweisen, damit sich die Mikrobiota unter der probiotischen Hilfestellung »in die richtige Richtung« entwickeln kann. Es nützt nichts, weiterhin – nur als ein Beispiel unter vielen – Fast Food oder Zuckerzeug zu essen und zu hoffen, dass ein Probiotikum die Situation entscheidend ändern kann. Aber dies ist sicherlich erstens eine Binsenweisheit und zweitens eher nicht die Verhaltensweise von Menschen, die schon länger mit Verdauungsproblemen zu tun haben.

Diese Menschen haben nach meinen Erfahrungen in der Regel schon sehr viel an ihrer Ernährung geändert und essen sehr viel bewusster und »gesünder«. Aber das, was viele unter »gesunder Ernährung« verstehen, ist nicht immer und grundsätzlich für alle geeignet. Und auch, wenn wegen verschiedener Unverträglichkeiten vieles gemieden wird und nur noch sehr wenige Lebensmittel gegessen werden, tut dies der Mikrobiota keineswegs gut. Es gilt, eine individuell angepasste und verträgliche Ernährung zu finden, die so viele Lebensmittel wie möglich beinhaltet, um so einerseits Reizungen der Darmschleimhaut und Schädigungen der Mikrobiota durch die Abfallprodukte unvollständig verdauter Nahrungsbestandteile zu vermeiden, aber andererseits die Diversität der Darmbakterien zu fördern. Hilfreich kann hier die Nutzung der »DorisPaas.de – Lebensmittel-Datenbank sein, ist der mehrere Unverträglichkeiten, der FODMAP-Gehalt und Lebensmittel-Kategorien gleichzeitig mit Filtern angezeigt bzw. abgewählt werden können, um so die Palette der Verträglichen Lebensmittel vergrößern zu können.

Weiterhin ist ein vernünftiges Stressmanagement eine unverzichtbare Maßnahme, die der Mikrobiota zugute kommt. Nicht nur wir selber leiden unter Stress und fühlen und unwohl, auch unsere kleinen Mitbewohner nehmen uns eine unausgeglichene Lebensweise sehr übel. Auf der sogenannten »Darm-Hirn-Achse« werden Reize über den Vagus-Nerv vom Kopf an den Darm übertragen (und umgekehrt). Diese unguten Signale beeinträchtigen die Mikrobiota, deren Qualität sich durch Stress entscheidend verschlechtern kann. Nun können wir einige Belastungen nicht so ohne Weiteres abstellen. Aber mit ein wenig Nachdenken und eventuell einer anderen Organisation der Tagesabläufe lässt sich oft doch an einigen Stellschrauben drehen. Trotzdem wird aber wahrscheinlich doch noch das eine oder andere übrig bleiben, was man nicht ändern kann. Solche Stresssituationen aber können – zumindest oft zum Teil – kompensiert werden. Durch Entspannungsübungen wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung oder aber durch tägliche, bewusste kleine Auszeiten wie ein entspannendes Bad, Lesen eines guten Buchs oder einen Spaziergang und vieles mehr kann man angestaute Stresshormone abbauen und so auch der Mikrobiota etwas Gutes tun.

Und last but not least brauchen wir und braucht unsere Mikrobiota kontinuierliche Bewegung. Unser Darm funktioniert leider keineswegs von alleine – er braucht in kürzeren Abständen immer wieder Anregung von außen. Dies kann Stimulierung durch die Atmung sein oder auch die Aktivierung durch die Muskulatur der Bauchdecke. Unsere Vorfahren hatten damit keinerlei Probleme, denn sie mussten sich ihre Nahrung täglich neu sammeln, dabei weite Strecken laufen, sich bücken und recken, so dass sie ständig in Bewegung waren. Verdauungsprobleme dürften diesen Menschen wohl eher unbekannt gewesen sein. Wir jedoch pflegen in der Regel eine Lebensweise, in der wir Stecken mit dem Auto zurücklegen, in der wir (zu) viel sitzen und uns eben viel zu wenig bewegen. Eine nennenswerte Anregung des Darms und der Verdauungsdrüsen findet nicht mehr statt, so dass die Nährstoffe nicht mehr ausreichend aufgeschlüsselt werden und der Speisebrei viel zu langsam durch das Verdauungssystem transportiert wird. Dies alles belastet die Qualität unsere Darmflora und unserer Darmschleimhaut. Abhilfe schafft regelmäßige Darmgymnastik, also regelmäßige kleine Atem- oder gymnastische Übungen, um unseren »faulen« Verdauungssystem auf die Sprünge zu helfen und so die Qualität der Mikrobiota zu fördern.

Es reicht also nicht, nur »eine Kapsel« mit einem Probiotikum einzunehmen – selbst wenn es noch so passend und präzise für die individuellen Bedürfnisse ausgewählt wurde. Es müssen immer auch die Begleitumstände optimiert werden, um eine bestmögliche Wirkung erzielen zu können.


 
Beratung

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